logo

Spielwiese für Nachdenkliche:
Nachgefragt ... Nachgehakt ...

Ausführliches zu Spielwiese für Nachdenkliche

Abstraktionsebenen


Erläuterung


Piaget beschreibt verschiedene Ebenen interner Strukturen der Wahrnehmung.

Die erste Ebene ist die sensomotorische. In dieser Entwicklungsphase erlernt das Kind einige praktische Intelligenz einschließlich des Schemas der Konstanz von Objekten, die sensomotorische Kausalität und das Schema willkürlicher Bewegungen.

Die zweite Ebene ist die semiotische, in der mentale Repräsentationen vorbereitet und verinnerlicht werden.

Die dritte Ebene etabliert formale Operationen wie die Implikation, Invertierung, Negation oder Reziprozität.

Innerhalb dieser Ebenen lassen sich verschiedene Unterebenen oder –phasen beobachten.

Auf der Ebene der formalen Operationen bewegt sich die Informationstechnologie. Der Umgang mit der Informationstechnologie setzt diese Ebene als Hintergrundwissen voraus. Das Regelwissen des semantische Gebrauchs von Informationsträgern setzt die Konstanz sowohl der Informationsträger als auch der Realität voraus. Erst vor diesem Hintergrund kann die Variabilität des Mitzuteilenden funktionieren.

Wahnvorstellungen entstehen zum Beispiel bei fehlender Konstanz der Realitätswahrnehmung. Fantastische Welten können nur durch die Verabredung beim Regelwissen, es mit der „verwenden“ Funktionalität nicht so genau zu nehmen, entstehen. Der mitteilenden Funktionalität von Begriffen wird sozusagen ein Augenzwinkern voraus gestellt – ein Übereinkommen, so zu tun als ob.

Kinder können dieses Augenzwinkern nur schlecht einordnen wegen der fehlenden Konstanz beim Verwenden des Informationsträgers. Wird einem Kind der Vorgang des Verdunstens von Wasser in der Sonne durch „die Sonne leckt das Wasser auf“ erklärt, stellt es sich beim Informationsträger „lecken“ eine Zunge vor. Und fragt sich, wie lang diese Zunge wohl ist.

Piaget erklärt aber nicht nur die notwendige Voraussetzung einer Konstanz von Informationsträger und Realität. Er erklärt auch Abstraktion innerhalb von Ansammlungen von Informationen. Im Gegensatz zur Begriffsbildung als Zusammenfassung von Merkmalen ergibt sich Abstraktion bei Piaget als Neustrukturierung der mentalen Wissensorganisation unter dem Druck von aufgenommenen Eindrücken. Die Kapazität der inneren Welt, Reize aufzunehmen und zu verarbeiten, ist begrenzt.
Der Organismus hat zwei Möglichkeiten, auf diese Situation zu reagieren: Er stellt das Wachstum ein und verweigert die Aufnahme weiterer Reize oder Informationen. Oder er strukturiert sich um, so dass zwischen Informationsangebot und Informationsverarbeitung ein neues Gleichgewicht aufbaut wird. Gleichgewicht ist dasselbe wie Äquilibration.

So ergibt sich ein von dem Informationsparadigma unabhängiger Ansatz, Wissen zu beschreiben, nämlich zum einen auf der Basis von inneren Entwicklungsstufen des Individuums, das Wissen verarbeitet, und gleichzeitig auf der Basis von Organisationsstufen des Wissens selbst – also der Neuregelung des semantischen Gebrauchs als Wechselwirkung von Verweisen – Verwenden – Mitteilen.

Diese beiden Herangehensweisen müssen immer im Blick bleiben, damit Folgerungen aus fehlerhafter Realitätswahrnehmung und Folgerungen aus Regeländerungen nicht miteinander vermischt werden.



Literatur :
Einführung in die genetische Erkenntnistheorie - Jean Piaget - Frankfurt a. Main 1973
Biologie und Erkenntnis - Jean Piaget - Frankfurt a. Main 1992
Intelligenz und Erkennen - Hans G. Furth - Frankfurt a. Main 1972